Geschichte wird besonders eindrücklich, wenn sie nicht nur in Büchern nachzulesen ist, sondern Menschen begegnen lässt, die sie selbst erlebt haben. Genau dies durften unsere Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 bei einer außergewöhnlichen Lesung erleben: Die preisgekrönte Jugendbuchautorin Maja Nielsen stellte ihren Roman Der Tunnelbauer vor – begleitet von dem Mann, dessen Lebensgeschichte die Grundlage des Buches bildet: Joachim Neumann.

Maja Nielsen, die unter anderem als „Lesekünstlerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde und für ihre historischen Jugendbücher zahlreiche Preise erhielt, versteht es wie kaum eine andere Autorin, historische Ereignisse für junge Menschen lebendig werden zu lassen. Für ihren Roman Der Tunnelbauer erhielt sie 2025 den renommierten Jugendbuchpreis „Buxtehuder Bulle“. Auch mit Werken wie Tatort Eden 1919 und ihrem aktuellen Jugendroman Das falsche Leben widmet sie sich wichtigen Kapiteln der deutschen Geschichte.

Im Mittelpunkt der Lesung stand die wahre Geschichte von Joachim Neumann, im Buch „Achim“ genannt. Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 gelingt ihm die Flucht nach West-Berlin. Doch statt sich dort einfach ein neues Leben aufzubauen, beginnt er, gemeinsam mit anderen Helfern Fluchttunnel unter der Grenze zu graben. Sein Ziel ist es, Menschen aus der DDR in die Freiheit zu bringen – vor allem aber Chris, die junge Frau, in die er sich verliebt hat.

Die Lesung war bewusst dialogisch gestaltet. Immer wieder unterbrach Maja Nielsen ihre mitreißend und äußerst lebendig vorgetragenen Textpassagen, um mit Joachim Neumann ins Gespräch zu kommen. Dadurch wurde aus einer Buchvorstellung eine eindrucksvolle Begegnung mit gelebter Geschichte. Die Schülerinnen und Schüler erfuhren aus erster Hand, welche Herausforderungen die Tunnelbauer bewältigen mussten, welche Rückschläge sie erlebten und wie groß die Gefahr war, von den Grenztruppen oder der Staatssicherheit entdeckt zu werden.

Besonders eindrücklich wurde die Vorstellung der Dimensionen dieser Fluchttunnel. Die Jugendlichen erfuhren, dass die Gänge teilweise kaum größer waren als der Tisch, an dem Joachim Neumann während der Veranstaltung saß. Auch scheinbar kleine Dinge erhielten plötzlich eine große Bedeutung: So spielte ein Teddybär bei einer Flucht eine wichtige Rolle und machte deutlich, dass hinter den historischen Ereignissen immer einzelne Menschen und ihre Schicksale standen.

Ohne den Ausgang der Geschichte vorwegzunehmen, ließ die Lesung dennoch erkennen, dass Mut, Hoffnung und Durchhaltevermögen manchmal belohnt werden. Fotos aus dem Privatbesitz von Joachim Neumann, darunter auch ein Hochzeitsfoto mit Chris, machten deutlich, dass die erzählte Geschichte weit mehr ist als ein Romanstoff. Sie ist Teil der deutschen Zeitgeschichte und zugleich eine ganz persönliche Lebensgeschichte.

Insgesamt wirkte Joachim Neumann an sechs Fluchttunneln mit und half zahlreichen Menschen bei ihrer Flucht. Im Anschluss an seine Zeit als Fluchthelfer schlug Joachim Neumann eine berufliche Laufbahn als Ingenieur ein und war an zahlreichen großen Tunnelbauprojekten beteiligt, darunter auch am Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. Damit setzte er die technische und persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Tunnel“ auf beeindruckende Weise in seinem späteren Berufsleben fort. Im Rahmen einer späteren Ehrung durch die Betreibergesellschaft des Eurotunnels wurden Gedenktafeln in Folkestone und Coquelles mit seinen Handabdrücken eingeweiht, die seine besondere Rolle in der Geschichte des Tunnelbaus würdigen.

Seit rund zwei Jahrzehnten engagiert sich Joachim Neumann als Zeitzeuge und berichtet unter anderem in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen von seinen Erfahrungen in der DDR, seiner Flucht und den Jahren des Tunnelbaus. Für die Schülerinnen und Schüler war die Lesung, gerade im Anschluss an die jüngste Klassenfahrt nach Berlin, eine seltene Gelegenheit, einem Menschen zu begegnen, der historische Ereignisse nicht aus Büchern kennt, sondern selbst erlebt hat. Gerade in einer Zeit, in der die Zahl der Zeitzeugen immer kleiner wird, sind solche Begegnungen von unschätzbarem Wert.

Wie aufmerksam und interessiert die Jugendlichen der Veranstaltung folgten, zeigte sich auch in der anschließenden Gesprächsrunde. Die Schülerfragen reichten von den Herausforderungen eines Neuanfangs in der Bundesrepublik über die Aufnahme von Flüchtlingen aus der DDR bis hin zu den technischen und logistischen Fragen des Tunnelbaus. Dabei wurde deutlich, wie intensiv sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Situation hineinversetzt hatten und wie sehr sie das persönliche Schicksal „Achims“ bewegte. Die Lesung zeigte eindrucksvoll, wie Geschichte lebendig werden kann, wenn Literatur auf Zeitzeugenschaft trifft.